14. November 2017
Pressemitteilung
Kampagne
LAG

Positionspapier der LAG der Frauennotrufe RLP zur Kampagne „Ist Luisa hier?“



Die Frauennotrufe in Rheinland-Pfalz plädieren für ganzheitliche Prävention von Männer-Gewalt gegen Frauen, die alle Geschlechter in die Verantwortung nimmt.

„Luisa“ kann einzelnen Frauen schnelle Hilfe bieten. Aber das reicht nicht!
Die Frauennotrufe in Rheinland-Pfalz plädieren für ganzheitliche Prävention von Männer-Gewalt gegen Frauen, die alle Geschlechter in die Verantwortung nimmt.

Hintergrund
Im Dezember 2016 hat der Frauennotruf Münster die Kampagne „Ist Luisa hier?“ gestartet. Ziel der Kampagne ist, dass Frauen, die sich in der Partyszene z. B. bedrängt oder sexuell belästigt fühlen, vom Personal teilnehmender Bars, Kneipen, Cafés und Clubs Unterstützung erhalten. Das vorab geschulte Personal kümmert sich um die Frau, bringt sie zum Beispiel in einen Nebenraum. Dort können die Hilfesuchenden entscheiden, wie es weitergehen soll: ein Taxi rufen, Freundinnen Bescheid geben, die sie abholen sollen, den Täter der Lokalität verweisen lassen oder die Polizei informieren. Mittels Plakaten wird auf die Teilnahme an „Luisa“ aufmerksam gemacht. Die teilnehmenden Gaststätten erhalten zudem Handlungsleitfäden. Zurzeit werden viele Frauennotrufe oder Gleichstellungsstellen wegen einer Umsetzung des Projekts in der eigenen Stadt angefragt. Das Projekt des Frauennotrufs Münster richtet sich nur an Frauen und Mädchen.
Bislang beteiligen sich Bars und Kneipen aus über 25 Städten an „Luisa“. Nimmt eine Stadt offiziell an der Kampagne teil, so heißt das jedoch nicht, dass alle Bars, Kneipen u.a. der Stadt sich an der Aktion beteiligen.
Ein Leben als Frau ist ein Leben mit (dem Risiko) sexualisierter Gewalt
Sexualisierte Übergriffe können in sämtlichen Lebensbereichen und allen Lebensphasen einer Frau (und eines Mädchens) geschehen. Kein Ort ist frei von Gewalt gegen Frauen. Die Gewalt selbst sowie ihre potentielle Präsenz immer und überall bestimmt das Leben von Frauen und Mädchen und schränkt sie ein. Demgegenüber steht eine Gesellschaft, die die Lebenssituation von Frauen und Mädchen ignoriert und bagatellisiert. Die Kampagne „Luisa“ stößt den gesellschaftlichen Diskurs dazu an. Sensibilisierung und Auseinandersetzung sind Voraussetzungen für den überfälligen gesellschaftlichen Wandel.

Frauennotrufe arbeiten auf mehreren Ebenen
Frauennotrufe stehen mit ihren hochprofessionellen Mitarbeiterinnen an der Seite der Frauen, die sexualisierte Übergriffe erlebt haben. Über gezielte Interventionen sollen Frauen und Mädchen, deren Integrität, sexuelle Selbstbestimmung und Selbstkontrolle durch einen gewaltsamen Übergriff verletzt wurden, Selbstbestimmung und Sicherheit wiedergewinnen. Die Betroffenen können in der Beratung die eigenen Ressourcen und Handlungskompetenzen entdecken und mobilisieren, Hilflosigkeit und Ohnmacht überwinden und die Kontrolle über das eigene Leben zurückgewinnen.
Das Problem sexualisierter Gewalt in Kneipen, Bars, Clubs, auf Festivals und im öffentlichen Raum sehen die Frauennotrufe in Rheinland-Pfalz als strukturell und gesellschaftlich bedingt und sehen genau hier dringenden Handlungsbedarf. Deshalb steht das Voranbringen eines gesellschaftlichen Wandels durch gezielte Präventionsformate, Informationsveranstaltungen und politische Kampagnen gleichberechtigt neben der Beratungsarbeit.
Frauennotrufe geben Präventionsarbeit hohen Stellenwert
Nur durch ganzheitliche Präventionsprogramme können sexualisierte Grenzverletzungen, Übergriffe und Gewalt beendet und ein respektvolles, partnerschaftliches Miteinander aller Geschlechter erreicht werden.
Dabei bedeutet effektive Prävention nicht allein das „Trainieren“ von Frauen und Mädchen hinsichtlich ihrer Wehrhaftigkeit. Und es bedeutet vor allem nicht Frauen und Mädchen in ihrer Bewegungsfreiheit und gesellschaftlichen Teilhabe einzuschränken. Sinnvolle Prävention muss die Verantwortung aller in den Mittelpunkt stellen sexualisierte Übergriffe zu verhindern. Es braucht andere Einstellungs- und Verhaltensmuster, insbesondere bei potentiellen Tätern. Studien zeigen, dass es keine unabsichtliche sexualisierte Anmache gibt (vgl. Diehl, Rees und Bohner 2012), der gesellschaftliche Umgang zwischen den Geschlechtern jedoch von diesen Verhaltensweisen geprägt ist. Es muss ein gesellschaftliches Klima geschaffen werden, das sexualisierte „Anmache“ und Übergriffe nicht weiter toleriert.
Diesen Ansatz verfolgt zum Beispiel die Kampagne „GRENZEN ACHTEN!“, die vom Frauennotruf Worms gemeinsam mit zwei Kooperationspartnerinnen entwickelt wurde. Mit der Kampagne soll ein Perspektivenwechsel angestoßen und aufgezeigt werden, was Männer gegen sexualisierte Anmache tun können: Respekt zeigen. Auch das soziale Umfeld wird angesprochen bei sexualisierter Anmache nicht wegzusehen sondern aktiv einzuschreiten, zu kritisieren und grenzüberschreitendes Verhalten zu stoppen. Ein weiteres Beispiel ist das Schulprojekt „Selbstbewusste Mädchen – Souveräne Jungs“, das die Frauennotrufe in Kooperation mit dem Bildungsministerium 2011 durchführten. Mädchen und Jungen wurden gestärkt, um Grenzverletzungen und Übergriffen, nicht nur im Schulalltag, vorzubeugen.
Die Frauennotrufe in Rheinland-Pfalz fordern Kampagnen und Initiativen, die Belästigenden Grenzen aufzeigen und Betroffenen vermitteln, dass sie sich wehren dürfen und nicht alleine sind.
Mädchen und Frauen, aber auch Männer und Jungen haben das Recht auf einen respektvollen Umgang und einen Alltag ohne Grenzverletzungen. Dies zu sichern ist nicht nur eine gesellschaftliche Verpflichtung, sondern auch die Aufgabe aller.

Fazit
Die Kampagne „Luisa“ ist nett, greift aber nicht weit genug!
Die Frauennotrufe Rheinland-Pfalz plädieren für ganzheitliche Prävention, die alle Geschlechter in die Verantwortung nimmt und empfehlen eine Einbettung in ein gesellschaftspolitisches Gesamtkonzept. Nur so kann ein gesellschaftliches Klima geschaffen werden, das sexualisierte Anmache im öffentlichen Raum nicht weiter akzeptiert und verharmlost und den Betroffenen nicht die alleinige Verantwortung für den eigenen Schutz aufbürdet. Die Kampagne “Ist Luisa hier?“ kann ein Baustein eines Gesamtkonzeptes sein. Steht sie alleine, gibt es falsche Signale.
Die Fachstellen zum Thema Sexualisierte Gewalt fordern zu einer Diskussion über das Tabu-Thema auf. In dieser Diskussion muss es darum gehen, (Selbst-) Reflexion über die vorherrschenden Einstellungen und Verhaltensweisen bei Männern und Frauen und Jungen und Mädchen zu ermöglichen und diese zu hinterfragen. Ziel muss sein, alle dazu zu ermutigen, aktiv gegen sexualisierte Übergriffe, Anmache und Gewalt an Frauen und Mädchen einzuschreiten und diese nicht weiterhin zu tolerieren.

Verantwortlich für die LAG der Frauennotrufe in RLP: Anette Diehl, Vanessa Kuschel (Mainz), Astrid Rund (Rhein-Hunsrück-Kreis), Mareike Ott (Ludwigshafen), Ruth Petri (Trier)

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